Warum Regeneratives Wirtschaften das wichtigste Thema
für die Organisationsentwicklung ist
The Future of Work is regenerative | Text: Simon Berkler
New Work hat sich lange um sehr wichtige Themen wie Führungsfragen, Beziehungen oder neue Organisationsmodelle gekümmert. In den nächsten zehn Jahren wird es für uns alle darum gehen, die Ärmel hochzukrempeln und die Wirtschaft mit dem Planeten zu versöhnen.

Als Akteur*innen der Wirtschaft haben viele von uns seit Jahrzehnten in einer Fiktion gelebt. Die bequeme Vorstellung, dass die Wirtschaft ein in sich geschlossenes System ist, und der Markt die primäre Antwort auf alle Fragen des Fortschritts und der Weiterentwicklung bereithält, hatte uns als Gesellschaft fest in ihrem Bann. Die ersten begannen zwar bereits in den frühen 1970ern zu warnen, denen wurde aber - wie heute leider vielfach immer noch – vorgehalten, dass sie einfach den Regulationskräften des Marktes nicht genügend vertrauen würden.

Das Problem war damals wie heute, dass „der Markt“ noch nie vollständig funktioniert hat, da schlicht nicht alle relevanten Informationen im marktlichen Geschehen berücksichtigt werden – egal, wie überlebenswichtig sie sind. Hätten wir bei der Preisbildung von Anfang an auch die natürlichen Ressourcen eingepreist (inklusive dem Schaden, den wir ihnen zufügen), dann hätte das klappen können. Diese Ressourcen wie Wasser und Luft standen aber leider vielfach umsonst zur Verfügung. Während die Gewinne zunehmend privatisiert wurden, wurde der ökologische Schaden auf das Gemeinwesen abgewälzt. Das Problem, dass wir diese sogenannten „negativen Externalitäten“ (ein schön technischer Begriff, der der Monstrosität seiner Bedeutung kaum gerecht wird) so lange vernachlässigt haben, schlägt nun mit voller Härte zurück. Universe strikes back.

Ihr wollt Disruption?
Bitte sehr!

Und jetzt? Jetzt haben wir so lange über Nachhaltigkeit, CSR und zuletzt auch ESGs geredet, dass Nachhaltigkeit schon nicht mehr ausreicht. Wait what?! Nun ja, wir haben die planetaren Grenzen leider dermaßen überstrapaziert, dass nachhaltiges Verhalten - im Sinne von „keinen weiteren Schaden zufügen“ – uns trotzdem nicht auf einen 2-Grad-Pfad führt – geschweige denn auf irgendetwas darunter.

Wir alle wissen, dass uns die Zeit davon läuft. Wir haben noch knapp 10 Jahre, um unsere weltweiten CO2-Emissionen zu halbieren, danach nochmal ca. 15 Jahre, um sie auf Null runter zu fahren. Vielen wird immer bewusster, dass es mehr und mehr um Lebens- und Überlebensfragen geht. Wahrscheinlich nicht um das Überleben der heute 50- oder 70-Jährigen. Aber ganz sicher um das Leben der heute 20-Jährigen. Und möglicherweise um das Überleben derjenigen, die gerade geboren werden.

In Zeiten der Krise hat die Menschheit schon oft genug bewiesen, dass sie zusammenrücken und gemeinsam an einem Strang ziehen kann. Auch wenn es sich derzeit mitunter nach dem Gegenteil anfühlt, können wir das noch schaffen, wenn – ja, wenn ganz viele Dinge gleichzeitig passieren. Wenn die Politik den richtigen Rahmen und die richtigen Steuerungsimpulse setzt, wenn Innovation und Entwicklung in hilfreiche Bahnen gelenkt wird, wenn mutige Menschen vorangehen, auch wenn sich das nach den alten Maßstäben völlig absurd und verrückt anhört. Es sind ja meistens diejenigen, die zunächst für verrückt gehalten werden, die aus der Rückschau aber einen Unterschied machen.

Es geht mittlerweile nicht mehr um Schuldzuweisungen und die Frage, welche Verantwortung die Privatwirtschaft an der heutigen Situation hatte und welche Verantwortung sie bei der Umgestaltung unseres Planeten haben wird. Alle sind in ihren jeweiligen Bereichen aufgerufen, Schaufel und Eimer (oder Samen und Gießkanne) in die Hand zu nehmen und an einer neuen Welt zu bauen, die regenerativer, inklusiver und gerechter ist. Die Tatsache, dass sich beispielsweise bereits über 200 Unternehmen dem Climate Pledge angeschlossen haben und sich zu „Net Zero Carbon“ bereits bis 2040 (also deutlich vor der durch das Pariser Klimaabkommen geforderten Zeitleiste) verpflichten, zeigt, dass diese innere Ausrichtung bereits mitten in der Wirtschaft angekommen ist.

Diese Disruption wird sich innerhalb der nächsten Jahre mit großen Schritten vollziehen. Nicht umsonst wird auf politischer Bühne derzeit gerne von der größten Transformation der Industriegeschichte gesprochen. Für wen sich die digitale Disruption oder die agile Disruption schon schnell angefühlt hat, für den*die wird sich die regenerative Disruption nach Schallgeschwindigkeit anfühlen. Hat etwas mit dieser Exponentialität zu tun, von der immer alle reden. Wenn wir in 10 oder 20 Jahren in einer regenerativeren Welt ankommen wollen (und wie gesagt: das ist keine fakultative Frage), dann werden schon in fünf Jahren Unternehmen deutlich anders aussehen als heute. Anders gesagt: Wer sich heute auf den Weg macht, kann in fünf Jahren schon den Schritt weiter sein, der über das Überleben – in diesem Falle das Überleben des eigenen Unternehmens – entscheidet.

Was heißt denn eigentlich
regenerativ?

Wir als Menschen sind nicht alleine auf dieser Welt. Skaliert man die 4,6 Milliarden Jahre Erdgeschichte auf 46 Jahre, gibt es uns Menschen seit vier Stunden. Die industrielle Revolution (und damit die neuzeitliche Wirtschaftsgeschichte) hat vor einer Minute begonnen. Und in den letzten 30 Sekunden haben wir mehr als 50% der uns zur Verfügung stehenden Ressourcen vernichtet. Teilweise unwiederbringlich.

Was uns angesichts der fortschreitenden Klimakrise immer klarer wird: Wir Menschen sind angewiesen auf diesen Planeten. Ohne ihn gibt es keine Menschen. Und ohne Menschen gibt es keine Wirtschaft. In dieser Reihenfolge. Das Wirtschaftssystem ist eingebettet in überlebenswichtige Umgebungssysteme – seien es soziale oder ökologische.

Wenn wir diese Systeme durch unsere Art des Wirtschaftens zerstören, ist es nicht mehr wichtig, ob das Bruttoinlandsprodukt gerade noch steigt oder fällt. Es ist dann auch nicht mehr wichtig, ob wir gerade noch Jobs schaffen oder nicht. Weil dann die Welt, in der diese Jobs stattfinden sollen, ein Überleben der Menschen, die diese Jobs ausfüllen sollen, nicht mehr hergibt.

Ja, das hört sich nach einer radikalen Umpriorisierung an. Und nach vielen Jahrzehnten, in denen ökonomischer Gewinn der primäre Erfolgsmaßstab war, klingt das irgendwie kontraintuitiv. Aber auf mittlere Sicht wird es das einzig sinnvolle Daseinsprinzip von Unternehmen sein, dass sie mit ihren wirtschaftlichen Aktivitäten positive Lösungen schaffen und zur Bewahrung noch intakter bzw. zur Regeneration bereits angegriffener Ökosysteme beitragen.

Regeneratives Wirtschaften ist in dieser Hinsicht nichts anderes als radikale Nutzerorientierung - immer vorausgesetzt natürlich, dass die “Nutzer*innen” ein Interesse am Überleben der Menschheit haben. Der Unterschied zwischen dem Human Centered Design, wie es derzeit vielfach betrieben wird, und einem regenerativen Blick auf Nutzerorientierung (manche mögen es auch “Beyond Human Centered Design” oder “Planet Centered Design” nennen) liegt in einem systemischen Denken und in einer stärkeren Langfristorientierung. Lösungen, die derzeitige Nutzerbedürfnisse erfüllen, aber in fünf, zehn oder zwanzig Jahren Teil des Problems und nicht Teil der Lösung sind, wenden sich spätestens dann gegen ihre Nutzer (und damit auch gegen das Geschäftsmodell des jeweiligen Anbieters).

Rechnet man zusätzlich die in den nächsten Jahren deutlich steigenden Kosten sozial-ökologischer Krisen (sowohl auf gesellschaftlicher Ebene als auch für jedes einzelne Unternehmen), die Kosten des Nicht-Handelns und die sich verändernde Regulatorik mit ein, ist es auch aus rein ökonomischen Gründen ein Gebot der Stunde, sich auf einen ernstgemeinten Transformationspfad in Richtung regenerativer Wirtschaftspraktiken zu begeben. Verrückterweise werden die Unternehmen, die jetzt beginnen, sich regenerativ umzubauen, diejenigen sein, die zukünftig aus exakt diesem Grund wirtschaftlich am erfolgreichsten sind. Am Anfang kann sich das erst mal nach zusätzlicher Investition anfühlen. Aber mit etwas Abstand ist eine Investition ins eigene Überleben. Und die einzige Chance, die wir haben.

Was hat das mit Organisationsentwicklung
und New Work zu tun?

In der Zeit, in der wir dachten, dass „nachhaltig“ noch ausreichend sein könnte, haben Organisationen angefangen, eigene Abteilungen dafür zu gründen. Die hießen dann Sustainability Management, Corporate Social Responsibilty oder ähnlich. Und daran ist natürlich überhaupt nichts auszusetzen. Das Problem ist nur, dass mit solchen silo-artigen Gefäßen nur selten das sogenannte Kerngeschäft, geschweige denn eine ganze Organisation verändert wurde. Genau das ist aber jetzt gefordert. Wenn das Haus brennt, bringt es eben leider nicht so viel, ein Zimmer zu löschen und sich dann auf die Schulter zu klopfen, dass man den Brand im Griff habe. Viele Sustainability Manager*innen leiden übrigens selbst unter mangelnder Geschwindigkeit und eingeschränktem Impact, da sehr viele dieser Menschen diesen Job wirklich aus innerster Überzeugung machen.

Um digital zu sein, braucht es digitale Gewohnheiten in der ganzen Organisation. Um agil zu sein, braucht es agile Gewohnheiten in der ganzen Organisation. Und um regenerativ zu sein, braucht es regenerative Gewohnheiten. In der ganzen Organisation.

Mit Blick auf digital und agil ist das den meisten Menschen klar (auch wenn sich damit viele Organisationen noch schwer tun). Die Zeit, in der zum Beispiel Digitalisierung als vertikale Funktion verstanden wurde, ist glücklicherweise vorüber. Und diejenigen Unternehmen, die das heute noch so handhaben, dürften mittlerweile vor größeren Transformationsproblemen stehen.

Nachhaltigkeit oder Regeneratives Wirtschaften wird in vielen Organisationen heute immer noch als reines Strategie-, Reporting-, Kommunikations- oder CSR-Thema gesehen. An all dem ist nichts falsch, aber es wird nicht reichen, wenn wir innerhalb kürzester Zeit das ganze Unternehmen umbauen wollen (bzw. müssen). Hierzu braucht es ein synchrones Vorgehen und ein Anpacken aller Teams in allen Bereichen. Und hier schließt sich der Kreis zu vielen Themen, die in den letzten Jahren rund um New Work oder Future of Work deutlich mehr Beachtung gefunden haben. Eine solche Aufgabe kann in einer „Command and Control“ Logik nur scheitern. Organisationen, die in den vergangenen Jahren begonnen haben, Führung neu zu organisieren, lateralere Strukturen aufzubauen, agiler und responsiver zu werden, sind jetzt im Vorteil, weil die Idee von „alle packen im Rahmen ihrer Möglichkeiten und mit Blick auf einen überzeugenden Purpose mit an“ – im Rahmen eines klaren und dennoch veränderbaren Prozesses – auf viel fruchtbareren Boden fällt (herrlich, noch eine regenerative Metapher!).

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